Der Mittelstand gilt als Rückgrad der deutschen Wirtschaft. So wird er jedenfalls in Sonntagsreden gefeiert. Tatsächlich aber dominieren Großunternehmen vielfach die Märkte, die Geld und Kreditversorgung sowie die Politik, und die Interessen des Mittelstandes kommen immer wieder zu kurz.

Was gehört zum wirtschaftlichen Mittelstand? Der Definitionen sind viele. Qualitativ ist der Mittelstand dadurch gekennzeichnet, dass die Führung des Unternehmens und das Eigentum am Unternehmen in einer Hand liegen. In der Regel profitiert der mittelständische Unternehmer nicht nur vom Gewinn, sondern haftet auch persönlich für die Verluste bis hin zur Insolvenz des Unternehmens, die für ihn gleichbedeutend ist mit der Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz. Hier ist also die Einheit von Führung, Eigentum und Haftung verwirklicht, die der Wirtschaftswissenschaftler Walter Eucken, einen der theoretischen Begründer der sozialen Marktwirtschaft, zu den Kernelementen für ihr befriedigendes Funktionieren rechnete. Ludwig Erhard, der Vater des deutschen „Wirtschaftswunders“ in den fünfziger Jahren sprach von Menschen, „die willens sind. Die eigene Haut zu Markte tragen, das heißt, in eigener Verantwortung ihr Schicksal“ zu gestalten und einen humanen Kapitalismus zu schaffen. Der persönlich verantwortliche Leistungsträger garantiere eine breite Eigentumssteuerung und funktionierenden Wettbewerb, geschäftliche Solidität und soziale Stabilität. Der typische Mittelständler ist also genau das Gegenteil des „Funktionärs“, der nicht mit dem Schicksal des Unternehmens auf Gedeih und Verderb verbunden ist und nicht persönlich für Verluste haftet, sondern gelegentlich selbst nach folgenschweren Fehlern mit hohen Abfindungen davonkommt. Zum Mittelstand gehören auch Handwerker und Freiberufler, also z.B. Ärtzte und Rechtsanwälte, obwohl diese rechtlich keine Wirtschaftsunternehmen betreiben. Der Mittelstand macht über 99% der Zahl der Unternehmen in Deutschland aus. Das verbleibende knappe ein Prozent Großunternehmen erwirtschaftet allerdings sechzig Prozent der der deutschen Wirtschaft. Obwohl auf mittelständische Unternehmen also nur 40% des Gesamtumsatzes entfallen, beschäftigen sie sie fast 70 Prozent aller Erwerbstätigen, schaffen 80 Prozent der Ausbildungsplätze und tätigen fast 50 Prozent aller Investitionen in Deutschland. Diese Zahlen illustrieren die Schlüsselbedeutung des Mittelstandes für Vollbeschäftigung, Wachstum und Ausbildung. Trotzdem spielt der Mittelstand in Politik und Wirtschaft nicht entfernt die Rolle, die seiner Bedeutung entspricht. Im wirtschaftlichen Wettbewerb zieht er oft gegenüber den Marktbe-herrschenden Großunternehmen den Kürzeren. Beim Zugang zu Krediten hat er es meist  sehr viel schwerer als die Großwirtschaft, und in der Politik dominiert ohnehin der Einfluss großer Unternehmen, die nicht nur die Wirtschaftsverbände beherrschen, sondern jedes für sich in Berlin und Brüssel massiv Lobbying betreiben, was Mittelständlern schon wegen ihrer geringen Größe regelmäßig nicht möglich ist. Auch sonst bläst dem Mittelstand vielfach der Wind ins Gesicht. Gewisse langfristige kulturell- zivilisatorische Trends, wie der zunehmende Individualismus und der sogenannte Wertewandel hin zur Selbstentfaltung, die z.B. den Übergang des Unternehmens zu nachfolgenden Generationen teilweise infrage stellen, nagen an seinen Wurzeln. Am meisten aber leidet der Mittelstand darunter, dass seine Rolle als Unruhe und Motor der ganzen Wirtschaft und das Engagement des Unternehmers, das sich oft auch in einem zeitlich sehr viel intensiveren Einsatz äußert, als dem normalen Arbeitnehmer je zugemutet wird, gesellschaftlich kaum anerkannt wird. Die bis an die physische und psychische grenzende Selbstausbeutung vieler Mittelständler findet in der Öffentlich-keit kaum Resonanz. Im Gegenteil müssen erfolgreiche Unternehmer, die ent-sprechende Gewinne machen, oft mit scheelen Blicken von Medien und Politik rechnen.

Auszug: Hans Herbert von Arnim, Auszug aus „Die Deutschland Aktie“ mit Genehmigung des Autors

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